»Moses und Aron«

von Arnold Schönberg
mit einer Rekomposition des 3. Akts, 1. Szene von Eberhard Kloke

In der Spielzeit 2027/28 präsentieren wir eine Neuproduktion von Arnold Schönbergs »Moses und Aron« mit der Uraufführung von Eberhard Klokes Rekomposition des 3. Akts. Damit wird das Opernfragment nun erstmals vollendet szenisch aufgeführt. Die Regie übernimmt Teamintendant und Chefregisseur Valentin Schwarz, die musikalische Leitung liegt in den Händen von Musikdirektor Daniel Carter.

»Die Welturaufführung des vervollständigten Werks am DNT ist eine unglaublich große Chance, eine der zentralen Kompositionen des 20. & 21. Jahrhunderts für die Gesellschaft im Hier und Jetzt erfahrbar zu machen. Wir stellen uns als Theater gemeinsam mit unseren Partnern mit Feuereifer und aller Energie dieser gewaltigen Herausforderung, um für das Publikum hier in Thüringen und darüber hinaus eine einzigartige theatrale Erfahrung zu ermöglichen!«
Teamintendanz Valentin Schwarz, Dorian Dreher und Timon Jansen

Das Projekt wird in Kooperation mit dem Theater Erfurt sowie dem Arnold Schönberg Center Wien als wissenschaftlichem Kooperationspartner realisiert. Die Premiere ist für März 2028 im Rahmen des DNT-Theaterfestivals Äquinoktium VI geplant.

 

Projektvorstellung am 22. September 2026 im DNT Weimar mit (v.l.n.r.) Arne Langer, Dorian Dreher, Daniel Carter, Eberhard Kloke, Birgit Meyer, Valentin Schwarz, Dr. Ulrike Anton und Christian Illgen. 

Mehr über das Projekt

Arnold Schönberg war einer der innovativsten, interessantesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Sein unvollendetes Ideendrama »Moses und Aron« gilt als Schlüsselwerk des modernen Musiktheaters. Im Konflikt der Brüder Moses und Aron legt es eine unüberwindliche Diskrepanz zwischen der reinen, ungreifbaren Idee Gottes und der menschlichen Notwendigkeit von Bildern, Sprache und Verführung dar. Je nach Lage der Dinge gläubig oder zweifelnd, steht das jüdische Volk unentschieden zwischen den beiden Protagonisten.

Die in der Oper reflektierten Gedanken, Fragen und Themen sind mit Blick auf die politische Lage in Deutschland, aber auch in der Welt, erschreckend präsent: Verführbarkeit und Manipulation der Massen durch die Agitation und Propaganda von Demagogen und Machtmenschen, (Selbst-)verantwortung von Führungspersonen, der Wert demokratischer Debatten und Aufklärung, aufkeimender Antisemitismus, Flucht und Migration weltweit. Diese sind Anknüpfungspunkte, die »Moses und Aron« zu einem der aktuellsten und spannendsten Musiktheaterstücke unserer Zeit machen.

Schönberg hinterließ seine als dreiteiliges Oratorium konzipierte Oper »Moses und Aron« als Fragment mit zwei vollständigen Akten und einem nur in Textform vorliegenden 3. Akt. Nach einer unautorisierten Version des Ungarn Zoltán Kocsis, der sich 2010 an die musikalische Vollendung gewagt hat, liegt seit 2023 ein neuer, fertiger Entwurf des Komponisten Eberhard Kloke vor. Dieser hat sich bei seiner Rekomposition genau an den textlichen Vorgaben Schönbergs orientiert, die eine fundamentale Wendung in der Erzählung, jedoch auch keine Auflösung des unversöhnlichen Konflikts beinhalten: Aron muss sich für seinen Verrat am Gottesgedanken rechtfertigen. Moses verzichtet auf seine Bestrafung und entlässt ihn mit den Worten: »Lebe, wenn Du kannst!« in die Freiheit. Daraufhin fällt Aron tot um.

»Moses und Aron war für mich als Dirigent immer ein zentrales Stück, bei dem es mir schwerfiel, einen geeigneten Schluss zu finden«, erläutert Eberhard Kloke. »Dieser ist nun von mir recomponiert worden aus verschiedenen Quellen und Materialien auf Basis der Textvorlage Schönbergs. Dass ausgerechnet das Nationaltheater Weimar diese Uraufführung herausbringt, finde ich bedenkenswert und gleichermaßen beeindruckend.«
Komponist Eberhard Kloke

Für seine Rekomposition des 3. Akts nutzte Kloke die offene Werkform. Neben Schönbergs Text dienten ihm die ersten beiden Akte sowie spärliche Skizzen, das Particell und Skizzen zur Jakobsleiter in Schönbergs Handschrift (Faksimile), die ihm das Schönberg-Archiv des Wiener Schönberg zur Verfügung gestellt hat, als Quellen und Materialbausteine. Hinzu kamen eigene, »freie« Rekompositionspassagen, Transpositionen und Ergänzungen.

 

Als ein Ort, an dem gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen und unsere Gemeinschaft mitgestaltet werden soll, setzt sich das DNT Weimar in seinem Spielplan mit Stoffen auseinander, die kritische Fragen verhandeln, die Zweifel an scheinbar verbindlichen Grundwerten beleuchten, Gründe für Debatten bieten und damit Ausgangspunkt sein können, mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Die Uraufführung von Arnold Schönbergs »Moses und Aron« mit der Rekomposition des 3. Akts durch Eberhard Kloke bietet hierfür künstlerisch wie thematisch eine große Chance: Radikale Modernität und Kraft der Musik trifft auf politische Dringlichkeit der Geschichte. Diese komplexe Setzung interessiert das künstlerische Team um DNT-Teamintendant und Chefregisseur Valentin Schwarz, das die biblische Auseinandersetzung um Moral und Ideologie heutigen Handlungsspielräumen in unserer Gesellschaft gegenüberstellen wird.

Mit der Inszenierung und deren Rahmungen durch ein dreitägiges Symposium und eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Arnold Schönberg Center Wien sowie zielgruppenorientierte Vermittlungsangebote möchte das DNT gerade ein junges und vielfältiges Publikum einladen und zur Reflexion über die Aktualität des im Stück verhandelte Konflikts anregen. Die Inszenierung möchte dazu beitragen, die Betrachtung unserer Politik und Gesellschaft zu schärfen und eine junge Generation dazu ermächtigen, unsere demokratischen Errungenschaften zu befragen und zu stärken.

Mit dem Symposium soll zugleich einer der bedeutendsten Künstler der Moderne betrachtet und gewürdigt, die Oper in ihrer ganzen Vielschichtigkeit und Bedeutung dargestellt und mannigfache aktuelle Bezüge herausgearbeitet werden. Die Gesprächsteilnehmer:innen kommen entsprechend aus verschiedenen Bereichen wie z.B. Musik, Musikwissenschaft, Theater, Politik, Philosophie, Religionswissenschaft und Journalismus.

Mit einem langfristig angelegten Begleitprogramm für Schulen möchte das DNT Weimar zudem Schüler:innen für den ebenso mutigen wie kreativen und innovativen Künstler begeistern sowie historische Aspekte und aktuelle Zeitgeschichte vermitteln. In der Unerschrockenheit und Klarheit, mit der Schönberg eine künstlerische wie politische Haltung eingenommen und auch in schwierigen Zeiten gewahrt hat, kann er für heutige Generationen Vorbildfunktion einnehmen.

»Seit nunmehr 28 Jahren bewahrt das Arnold Schönberg Center den künstlerischen Nachlass Arnold Schönbergs«, betont Direktorin Dr. Ulrike Anton. »Als öffentliches Kulturzentrum und internationale Forschungseinrichtung ist es uns ein besonderes Anliegen, die Passion und das Wissen um die Faszination Schönberg weltweit weiterzugeben. Wir freuen uns, das innovative Projekt zu ›Moses und Aron‹ des Deutschen Nationaltheaters Weimar in seiner Vielfalt mit wissenschaftlicher Expertise, Materialien aus unserem Archiv und der jahrelangen Erfahrung im Bereich der Musikvermittlung begleiten zu können. Schönbergs Werk immer wieder neu zu entdecken, unterschiedliche Perspektiven miteinander zu verbinden und seine künstlerische Vision auch für heutige Generationen erfahrbar zu machen, verstehen wir als eine besondere Aufgabe.«
Dr. Ulrike Anton, Direktorin Arnold Schönberg Center