Stückbild des Stückes Rechnitz (Der Würgeengel)

Rechnitz (Der Würgeengel)

Eine Auseinandersetzung von Elfriede Jelinek

In einer Märznacht 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee, feiern die Gräfin Batthyány, Mitglieder der SS, örtliche Parteiprominenz und die Führer der Hitlerjugend im Schloss Rechnitz ein letztes großes Fest, das in die Ermordung von 200 jüdischen Zwangsarbeitern mündet. Sie werden auf einem Acker nahe dem Tatort verscharrt. Die Täter:innen tauchten unter oder flohen. Und die Einwohner:innen von Rechnitz wollen vor allem eins: nicht erinnert werden!

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek entwirft ein grandioses szenisches Tableau, das die Hintergründe und Folgen des grausamen Geschehens untersucht. Und sie beleuchtet den Umgang nachfolgender Generationen mit diesem Teil österreichisch-deutscher Geschichte.

Neben dem Schauspielensemble des DNT werden 30 Weimarer:innen als Chor zu erleben sein.

Freitag // 20. März 2026 // 19.30 Uhr // Großes Haus

Sonntag // 22. März 2026 // 19.30 Uhr // Großes Haus

Freitag // 10. April 2026 // 19.30 Uhr // Großes Haus

Sonntag // 26. April 2026 // 16.00 Uhr // Großes Haus

Montag // 25. Mai 2026 // 18.00 Uhr // Großes Haus

zu den Tickets

Schauspiel von Elfriede Jelinek

Uraufführung: 28. November 2008, München

 

Bitte beachten Sie unseren Hinweis für Besucher:innen mit Rollstuhl unter »Rund um Ihren Besuch«.

Inszenierung: Simone Blattner
Bühne: Martin Miotk
Kostüme: Andy Besuch
Musik: Christopher Brandt
Chorleitung: Sophie Hofsommer / Laura Brannath
Dramaturgie: Beate Seidel

Spielort: Großes Haus

Dauer: 1 Std. 30 Min.

Pause: nein

Premiere: 21. Februar 2026

Einführung: 30 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Foyer

Hinweis für Rollstuhlfahrer:innen und Ihre Begleitpersonen: Aufgrund der besonderen Bühnensituation bei dieser Produktion bitten wir Sie sich, bei Ihrer Ankunft bei unserem Kassenpersonal zu melden. Unser Abenddienst wird Sie dann zum Zuschauerbereich begleiten. Wir bitten um einen Hinweis bei der Kartenbestellung.

1 Der Dokumentarfilm »Totschweigen« von Eduard Erne bildet neben David Litchfields Buch »The Thyssen Art Macabre« den Ausgangspunkt für Jelineks Beschäftigung mit dem Fall »Rechnitz«. Das Unaufgeklärte dieses Massakers bietet der Autorin den Anlass, ihren persönlichen Blickwinkel auf das möglicherweise Stattgefundene zu entwerfen. Dabei ist vor allem der erinnerungspolitische Umgang mit der eigenen Geschichte, die man am liebsten verleugnen würde oder eben mit »Sündenstolz« (Zitat aus »Rechnitz«) in erstarrten Ritualen zu ›bereuen‹ bereit ist, ihr zentrales Thema.


2  Jelinek arbeitet in diesem Stücktext mit einer Mischung aus literarischen Verweisen und Gossip. Neben Zitaten aus Euripides’ »Bakchen«, Carl Maria von Webers »Freischütz«, dem Poem von T. S. Eliot »The Hollow Men« und der Bibel wird aus dem Interviewbuch über den ›Kannibalen von Rotenburg‹ zitiert. Eindrückliche Metaphern stehen neben Banalem, Wörter werden so lange gedreht und gewendet, bis ihre ursprüngliche Bedeutung schwindet oder ins Gegenteil verkehrt wird. Der da­raus erwachsende ideelle Relativismus beschreibt die Auflösung eines festen moralischen Wertesystems.


3 Im ersten Teil ihres Textes lässt Jelinek einen Ausnahmeboten erscheinen, dessen lange Suade auf einem Interview von Hans Magnus Enzensberger basiert. Enzensberger kritisiert darin die fehlende Komplexität in der Beurteilung des Dritten Reichs und fragt, welche politischen Verhältnisse Menschen in welche Verhaltensmuster drängen. Indem Jelinek jedoch diese Fragestellung in einen endlosen, um sich selbst kreisenden Redefluss zwingt, gibt es keine klare Antwort, sondern scheint diese sogar zu verschwimmen. Wer Opfer oder Täter ist, bleibt der eigenen Perspektive überlassen. 


4 Geboren wird Elfriede Jelinek 1946 als Kind einer aus großbürgerlichen, katholisch-konservativen Verhältnissen stammenden Mutter und eines Vaters, der im jüdischen Proletariat beheimatet ist. Die Familie erlebt einen sozialen Abstieg. Um den zu kompensieren, muss Elfriede die Wunderkind-Erwartungen ihrer ehrgeizigen Mutter erfüllen.


5 Jelinek besucht eine Klosterschule, das Gymnasium, hat mit drei Jahren Ballettunterricht, mit acht Jahren Klavierunterricht und ab zehn Jahren Geigenunterricht. Am Konservatorium studiert sie Orgel, Blockflöte und Klavier: »Mein Tag war verplant von sechs Uhr früh bis zehn Uhr abends.« Die Folge sind starke psychische Schwankungen und dementsprechend frühzeitig psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungen.


6 1974 tritt Jelinek in die KPÖ ein. Sie setzt sich u. a. für Frauenrechte ein und engagiert sich gegen rechtsradikale Tendenzen in der österreichischen Politik. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1991 verlässt sie die Partei enttäuscht, hält aber an ihrem politischen Engagement fest.


7 2004 erhält Elfriede Jelinek den Nobelpreis für Literatur, reist aber nicht zur Preisverleihung nach Stockholm, sondern nimmt per Video daran teil. Sie interpretiert den Preis als Anerkennung für ihre politische Haltung und wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch die ÖVP/FPÖ-Regierung.


8 Jelinek erschafft sich immer wieder selbst. »Jedes Foto ist eine Selbstinszenierung. Jedes Bild ist eine Stilübung, sei es die Rekonstruktion einer exquisiten Mode-Epoche der Vergangenheit oder die Montage ausgefallener Designerstücke aus Tokio oder Paris«, schreibt die Literaturkritikerin Sigrid Löffler.


9 Der Untertitel »Der Würgeengel« geht auf den Regisseur der Uraufführung Jossi Wieler und seine Auseinandersetzung mit diesem Text zurück: Im gleichnamigen Film von Luis Buñuel überlassen die Dienstboten ihre Herrschaft sich selbst. Die Gesellschaft kann das Haus nicht mehr verlassen. Bei Jelinek ist die Herrschaft geflohen und nur die ›Boten‹, die sich von dem Wissen, das sie haben, durch Reden zu befreien versuchen, sind übrig geblieben.


10 In unserer Inszenierung singt und agiert ein Gesangschor Weimarer und Erfurter Bürger:innen. Sie hören den Botenberichten zu und erschaffen mit den eigens für diese Aufführung komponierten Chorsätzen, die Teile des Poems »The Hollow Men«, aber auch Stücktexte verwenden, eine eigene ästhetische Ebene. Sie konterkarieren das sarkastisch-zynische Treiben der um persönliche Reinwaschung bemühten ›Boten‹ durch jenen Schmerz und jene Trauer, die den Zeilen Eliots innewohnen


 

  • »Tim Freudensprung, Johanna Geißler, Katharina Hackhausen, Bastian Heidenreich und Krunoslav Šebrek [...] machen mit vollem Körpereinsatz, Witz, Hintersinn und mit Leichtigkeit unterscheidbare Figuren aus ihren Texten.«
    (Mitteldeutsche Zeitung, 4.3.2026)

  • »Die Bühne [...] ist ein Raum gewordener Perspektivenwechsel mit Hintersinn. [...] Blattner lässt sich rückhaltlos auf den Text ein.«
    (Mitteldeutsche Zeitung, 4.3.2026)